Frau S., Köchin
Frau S. ist eine freundliche Frau mit einem großen Freundes- und Bekanntenkreis.
Sie war bescheiden und hatte stets ein offenes Ohr und ein großes Herz für andere. Allerdings war es vorgekommen, dass sie sich morgens manchmal mehr aus dem Bett quälte, als dass sie sich auf den Tag freute. Ehrlich betrachtet, war das mit der Zeit sogar ziemlich häufig vorgekommen…
Frau S. hatte immer öfter Gefühl, dass sie nicht mehr weiterkam, dass sie in einem leeren, sinnlosen Leben feststeckte. Obwohl ihr Verstand sagte, dass sie doch alles hatte was sie brauchte, erschien ihr die Welt innerlich oft grau in grau. Aber sie wollte sich nicht so wichtig nehmen: Es gab so viele Menschen, denen es viel schlechter ging als ihr, die «echte» Probleme hätten. Sie dachte, dass sie sich nur etwas zusammenreißen müsste. Sie war doch ihr Leben lang immer ein Stehaufmännchen gewesen!
Obwohl sie versuchte, ihre Gefühlswelt zu verbergen, merkten ihre Freundinnen doch, dass sie etwas bedrückte und ermutigten sie, gemeinsam mit einer Therapeutin zu gucken, was denn eigentlich los war, und was ihr helfen könnte. So nahm sie Kontakt zu mir auf und wir vereinbarten einen ersten Termin. Frau S. konnte kaum glauben, dass es fast eine Stunde lang ausschließlich um sie gehen sollte. Das war eine ganz neue Erfahrung! Leicht war das erstmal nicht, sogar eher unangenehm und irgendwie auch peinlich, so viel Raum einzunehmen.
Mit der Zeit konnte sie diese Erfahrung annehmen und sich mehr und mehr für ihre eigenen Belange interessieren. Gemeinsam fanden wir Zusammenhänge zu ihrer Kindheit heraus – die dahinterstehenden ‚guten Gründe‘, warum sie allen «das letzte Hemd geben musste», statt Geben und Nehmen in einer guten Balance zu leben. Unter den früheren Umständen in ihrer Herkunftsfamilie hatte das viele Geben und das «Verbot», auch mal etwas für sich zu nehmen, guten Sinn gemacht – aber jetzt in der Gegenwart eigentlich nicht mehr. Frau S. entdeckte, dass sie einen Teil dessen, was sie anderen in der Hoffnung auf deren Dankbarkeit und Anerkennung gab (beides bleib manchmal sogar aus, was sie dann sehr verletzte) sich manchmal auch direkt selber geben konnte!
So riskierte sie ein paar Experimente – mal für sich selbst um Hilfe zu bitten, mal jemandem ein Nein zu sagen – und machte gute Erfahrungen, die sie ermutigten, diese Aspekte mehr in ihr Leben zu integrieren. Und es tat ihr richtig gut! Sie machte die Erfahrung, dass die anderen sich keineswegs von ihr abwandten, sondern sich manche Freundschaften sogar vertieften. Sie blühte richtig auf und lebte mehr nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Natürlich blieb sie ihren grundlegenden Werten von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft treu, das war ja klar. Ihr Leben wurde nicht an jeder Stelle einfacher, aber in jedem Fall viel reicher und lebendiger – und manchmal sogar an Regentagen innerlich fröhlich und bunt.

